Die Sache mit dem Mut

Oftmals kommen Agility Sportler zu mir ins Seminar, die bestimmten Probleme mitbringen und kurz davor sind, das Agility-Handtuch zu werfen. Frustration auf allen Ebenen, Druck durch andere Hundesportler, die alles besser wissen als man selbst, und viele Menschen, die einem um die Ohren hauen, es würde dem eigenen Hund so bestimmt keinen Spaß machen.

Es gibt klassische Themen für solche Problematiken: Häufig sind es Sprungprobleme (Stangen reißen oder taxieren), vermeintliche Motivationsthemen, wenn der Hund auf Sparflamme läuft (obwohl er im Alltag richtig schnell rennen kann) oder dass „Standagi“ kein Problem ist, aber gar nichts mehr klappt, wenn Bewegung ins Spiel kommt.

Ich freue mich immer von Herzen, wenn solche Teams bei mir im Training landen. Denn es gibt kaum dankbarere Arbeit als Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, Probleme zu analysieren und im Anschluss gemeinsame Lösungsstrategien zu entwickeln. Das ist auf vielen Ebenen befriedigend:

  1. Wir lösen ein Problem, das andere erst zu einem gemacht haben (definitiv gut für mein Ego).
  2. Ich habe die Möglichkeit, dem Hundehalter/der Hundehalterin einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen (definitiv gut für den Hund).
  3. Hundeführer beginnen durch diese „Problemanalyse“ das „Prinzip Agility“ zu verstehen (definitiv gut für das Team).
  4. Diese Hundeführer sehen schnelle Erfolge und nehmen die neuen Lösungen daher sehr ernst (definitiv gut für alle Beteiligten).
  5. Das Team entwickelt eine neue Freude am gemeinsamen Hobby (definitiv, na ihr wisst schon…).

Vergleiche ich diese Hundeführer, die mit einem Problem zu mir kommen, mit „normalen“ Hundeführern, dann fällt mir immer wieder folgendes auf: Was ich als Trainerin erkläre, wird viel ernster genommen, wenn es bereits ein Problem gibt, als wenn für den Hundeführer eigentlich alles rund läuft. Das ist verständlich, schließlich kann man sich dann ja auch Fehler erlauben – aber auch traurig, denn schließlich könnte man diese Fehler ja auch noch besser einfach vermeiden.

Ein großes Hindernis für so manchen Hundeführer liegt darin, im eigenen Training für sich einstehen zu müssen und seine von uns erarbeitete (und oftmals andere) Trainingsmethode dort verteidigen zu müssen. Vielen Sportlern fällt es nicht leicht, es im regulären Training „ganz anders als alle anderen“ zu machen, vor allem wenn sie dann noch auf Unverständnis treffen. Hierbei spielt fast immer das Thema „Mindset“ eine große Rolle, sowie die eigene Intuition, die viele Trainer den Hundeführern (unbewusst) absprechen.

Wenn ein solches Team zu mir ins Seminar findet und wir die ersten Lösungsansätze erarbeitet haben, geht das Mutmachen los: Der Hundeführer hat jetzt zwar neue Erkenntnisse, Ideen und Ansätze an die Hand bekommen und ist meist in diesem Moment sehr zuversichtlich. Hier beginnt für mich jedoch die Hauptarbeit, denn auch wenn der Hundeführer in diesem Moment optimistisch ist, wird er sich der Situation stellen müssen die ihn im regulären Training erwartet. Oftmals sind die Seminarinhalte die wir erarbeitet haben für den Hundeführer zwar verständlich und logisch, aber schwierig anderen zu erklären – besonders wenn es um charakterspefizifische Trainingsansätze des eigenen Hundes geht.

Manchmal brauchen Menschen nur an ihren Mut erinnert zu werden; an den Mut, für sich einzustehen; den Mut, neue Wege zu gehen und den Mut, diese zu verteidigen. Denn diesen Mut brauche wir Menschen im Agility unbedingt – daher sollten wir sooft es geht üben mutig zu sein. Mut hilft uns zu unseren Überzeugungen, unserem Mindset zu stehen und wer es geschafft hat sich ein Herz zu fassen und die eigenen Interessen zu vertreten – der wird den daraus resultierenden Erfolg ernten.

Selbst den Mut zu haben ist eine wunderbare Sache – doch anderen dabei zu helfen, ihren eigenen Mut zu entfalten, das berührt mich bei jedem Team das sich dadurch weiterentwickeln kann.

Agility mit Hirn

Bereits in der Grundschule lernen Schüler heutzutage, wie sie ihre eigene Denkleistung so nutzen können, dass sie sich Lerninhalte effizient merken, diese in Transferleistungen bringen und somit effektiv Problemlösungen erarbeiten können. Später in der Ausbildung lernen sie, wie Aufgaben zu erledigen sind, und sie erhalten dazu Erklärungen, um zu begreifen, aus welchem Grund ein Vorgang auf eine bestimmte Art vonstattengehen sollte. Im Studium werden Studenten dazu aufgefordert, das Gelernte kritisch zu betrachten, zu hinterfrage und angehalten, eigene Lösungsideen zu entwickeln.

All diese Lernschritte, die wir Menschen durchleben, zielen auf unsere Weiterentwicklung ab und regen uns an, eigene Lösungen zu kreieren. Dabei haben sie eines gemeinsam: Sie setzen die Nutzung des eigenen Hirnschmalzes voraus, einer Fähigkeit, die uns allen innewohnt.

Verständnis für den Hund

In meinen Trainings erlebe ich regelmäßig Situationen, in denen der Hundeführer ein Verhalten des Hundes fehlinterpretiert. Woran mag das liegen? Möglicherweise schlichtweg daran, weil er entweder nicht achtsam genug ist oder weil er nicht über ausreichendes Wissen im Bereich des Ausdrucksverhaltens des Hundes verfügt. Hier geht es bereits mit Kleinigkeiten los: Wann und wie signalisiert der Hund, dass er eine Trainingspause braucht? Woran merkt man, dass ein Hund frei und freudig bei der Sache ist?  

Es ist menschlich und völlig normal, nicht alles zu wissen oder wahrnehmen zu können, aber sollte es nicht in unserem Fall – dem Training mit einem lebenden und fühlenden Wesen – das Ziel sein, einen achtsamen und feinfühligem Umgang mit unserem Teampartner Hund anzustreben?

Wieso, weshalb, warum?

In meinen Trainings lasse ich mir häufig vom Hundeführer erklären, warum er etwas so macht, wie er es macht. Das kann unterschiedliche Dinge betreffen, es kann die Frage danach sein, wie er das Verhalten seines Hundes einordnet, beispielsweise wenn ein Fehler passiert und der Hundeführer deswegen schimpft. Sehr oft hinterfrage ich die Entscheidung der Führtechnik an bestimmten Stellen und lasse mir erklären, warum sich der Hundeführer für einen Franzosen statt einen Belgier entschieden hat oder warum er die Lauflinie des Hundes um den linken statt um den rechten Ausleger gewählt hat.

Gerade Sportler, die man erstmals im Training erlebt, können diese Fragen oftmals zwar beantworten – aber so gut wie nie logisch begründen. Die Wahl entsteht oftmals aus sehr interessanten Motivationen heraus, wie: „Das haben die anderen auch so gemacht!“, „Das kann mein Hund besser!“ oder – wenn es mal ehrlich und ungefiltert hinauskommt -: „Keine Ahnung!“.

Verständnis für effektives Training

Betrachten wir die Effizienz, die wir uns alle in unseren Trainings wünschen (denn im Normalfall wünschen wir uns vermutlich alle dasselbe: Möglichst schnell zum gewünschten Ergebnis zu gelangen, ohne uns dabei überanstrengen zu müssen), so kommt man nicht drumherum zu erkennen, dass dies nur möglich ist, wenn man weiß, was man wie tut – und aus welchem Grund. Dies ist der Grund, warum wir eine Schulbildung, Ausbildung oder ein Studium absolvieren: Wir erweitern unsere Kompetenzen, um diese praktisch anwenden zu können.

Lernverhalten des Agilitysportlers

Ausnahmen bestätigen die Regel – das kurz vorweg. Jedoch stelle ich immer wieder fest, dass der durchschnittliche Agilitysportler zwar durchaus ein funktionsfähiges Hirn besitzt, es jedoch leider nur sehr selten zum Selbstdenken nutzt. Provokativ wie ich bin, hier mein persönlicher Klassiker: Auf die Frage, warum ein Hundeführer seinen Hund belohnt, weswegen er sich für das gewählte Belohnungsmittel entschieden hat und warum er denkt, der Zeitpunkt seiner Belohnung sei gut gewählt (oder aber der Belohnungsintervall ausreichend) bekomme ich nie eine zufriedenstellende Antwort. Die Antwort, die ich am meisten hasse: „Das macht XYZ schon immer so!“

Expertentum

Studenten dieser Welt lernen, Dinge kritisch zu betrachten, zu hinterfragen. Sie werden angeregt, sich eigene Gedanken zu machen, um etwas zu verbessern, sich selbst oder einen Teil unserer Erde. Am Ende wissen sie viel zu einem Themengebiet und erhalten dafür Abschlüsse und Titel.

Ja, wir studieren nicht, sondern wir betreiben lediglich Hundesport – aber ist es nicht in unserem Fall sogar viel relevanter, sich selbst so zu schulen, dass wir wahrnehmen, was bei unserem Teampartner gerade los ist? Ist es nicht logisch, dass wir wissen müssen, was unser eigener Hund, der mit dem einzigartigen, ganz individuellen Charakter, am liebsten mag? Ist es nicht gerade für unseren Sport wichtig zu verstehen, dass nicht jedes „Außen“, das wir sehen, auch für den Hund ein solches darstellt?

Wer sich auskennt mit dem, was er tut, den nennt man einen Experten – nicht denjenigen, der Dinge nachahmt, ohne sie zu hinterfragen. Tut euren Hunden einen Gefallen: Nutzt das, was ihr alle besitzt, um euer Training sinnvoll zu gestalten: euer Hirn.